
Ehemalige sind in einem Jugendverband nicht unbedingt die weißhaarigen Rentner.
Wenn Jugendliche für Jugendliche was los machen, gehört man mit fortschreitendem
Alter irgendwann automatisch zu den alten Säcken, ganz egal, wie
jugendlich man sich selber noch vorkommen mag.
Wer etwa bei uns im Stamm aktiv ist, hat sein fünfundzwanzigstes Lebensjahr noch
nicht vollendet. Die ganz typische Pfadfinderkarriere endet in meinem Stamm nach
Abschluss der Schulkarriere: Raus aus der Kleinstadt, die Welt wartet, was werden.
Und plötzlich gehört man zu den Älteren, der Heimschlüssel geht an die neue
Meutenführung über, bald schon kennt man die Wölflinge nicht mehr alle beim
Namen. Schockschwerenot! Wo fängt "Ehemalig" an, wo hört "Pfadfinder" auf?
Was nun tun?
Alles halb so schlimm! Kein Grund, Tuch und Tracht auf dem Dachboden zu verstecken
oder bei eBay zu verscheuern. Wer aus der aktiven Stammesarbeit herauswächst,
muss noch lange kein Ehemaliger werden.
Überlebenstrick Nummer Eins:
Unentbehrlich machen. Zum Beispiel als Schatzmeister, Materialwart oder als
Mitgliederverwalter. Keiner kommt an dir vorbei, du bekommst alles mit, was im
Stamm passiert. Aber mal ehrlich, eigentlich können die das auch ganz gut ohne
dich. Und damals, als du selber noch dreimal die Woche im Heim verbracht hast,
konntest du auf die Mithilfe von irgendwelchen Besserwissern ganz gut verzichten.
Jetzt heißt es: Loslassen können, sich nicht mehr einmischen. Vieles wird im Stamm
dann anders laufen, aber schließlich sind wir ja kein Traditionsverein. Besser, die
regeln ihre Angelegenheiten alleine, fahren den sprichwörtlichen Karren mal
ordentlich an die Wand, lernen daraus. Verantwortung zu tragen kann, wenn man
rechtzeitig darauf vorbereitet wird, eine sehr spannende Sache sein.
Also die erste Idee schnell vergessen und weiter zu
Überlebenstrick Nummer Zwei: Die Alt-RR. In unserem Stamm gibt es eine
Reihe von RR, die zwar nicht mehr in der direkten Umgebung, aber immer noch in
der Nähe wohnen. Die treffen sich nicht mehr einmal die Woche, aber wenn sie
Lust und Zeit haben, gehen sie noch gemeinsam auf Fahrt. Dazu werden durchaus
auch Jüngere eingeladen. Oder sie treffen sich alle zwei Monate zur Weinprobe.
Oder fahren gemeinsam in den Dänemarkurlaub. Dazu brauchen sie keine vierte
Stufe im BdP, dazu müssen sie nicht im Stammesrat sitzen,
das funktioniert einfach so, die sind ja schon groß.
Überlebenstrick Nummer Drei: Hoch die Hierarchie. Wem das jetzt immer noch
zu wenig ist, wer sich nach Planen und Organisieren sehnt, wer endlich wieder Netzpläne
mit garstigen Weckzeiten erstellen will, für den gibt es zahlreiche Möglichkeiten:
Auf Landes- und auf Bundesebene gibt es immer was zu tun. Ob sporadisch in
Stufenteams, ob konkret für ein Landes- oder Bundeslager oder intensiv in Landes- und
Bundesleitung. Schließlich der
Überlebenstrick Nummer Vier:
Der Freundeskreis. Wer sich dann selbst für die zentimeterdicke Therm-auch-noch-denletzten-
Rest-Matte zu alt vorkommt, muss immer noch kein Ehemaliger werden. Es geht
weiter! Bei uns im Stamm heißt er Freundeskreis, auf Landesebene ist es ein Förderverein,
den Bund unterstützt die Stiftung Pfadfinden. Das Prinzip ist immer dasselbe: Der
guten Zeiten willen wird ein wenig des üppigen Gehalts gespendet. Dafür gibt es
Stammeszeitschriften, Rundbriefe, oder den Stifterbrief. Dazu das unvergleichliche
Gefühl, etwas Gutes zu tun. Und wenn ein Stamm Geld für ein Projekt braucht oder
sonst wie die Unterstützung von Leuten, die sich in der Pfadfinder- und Normalo-welt
auskennen, dann genügt meistens ein Anruf.
Auf einem der letzten Pfingstlager waren sie dann mal wieder mit. Die alten Säcke.
Etwas abseits vom Geschehen, in ihrer eigenen Kohte. Tagsüber vollkommen mit sich
selbst beschäftigt. Später, nach der Abendrunde, konnte man bei ihnen noch kurz vorbeischauen,
etwas Tee trinken, das Dörrfleisch am Kohtenkreuz bewundern, den
Feuertisch begutachten, die Reisig-Betten Probe liegen. Für die ins Lagerprogramm eingespannten
Ranger/Rover eine willkommene Abwechslung. Für die ihr eigenes Programm
durchziehenden Alt-RR genau so. Bestenfalls ist es mit Ehemaligen und Alt-
Ranger/Rovern so, wie mit dem Verbandskasten im Auto. Die meiste Zeit wird er nicht
gebraucht, aber wenn man hin und wieder sicherstellt, dass er noch da ist, kann man
im Notfall den Kasten aufklappen - und es sind lauter nützliche Sachen drin.
Aus: LOGO 03/04 von Ole Reißmann, Stamm Waldreiter (LV SHHH)

